Tiff Tagebuch: Tag 1 – Jetlag, Thunfisch-Schnitten & Helen Mirren

Startschuss zum 28. Tokyo International Film Festival (TIFF)

Auf gehts: 10 Tage Film-Festival in Japan. Über 2oo der neuesten asiatischen Streifen werden hier gescreent. In und um das Festival gibt es zahlreiche Events. Filme im Kabuki-Theater, riesige Roboter, Menschen in Gummianzügen & feuerspeiende, atomverseuchte Schildkröten inklusive. Noch vor der offiziellen Eröffnung, ging es direkt auch schon ins Kino.

Das TIFF ist wie auch die Berlinale ein Publikumsfestival, jeder kann Karten kaufen.
Das TIFF ist wie auch die Berlinale ein Publikumsfestival, jeder kann Karten kaufen.

Es ist Mittwochmorgen 12 Uhr. Zwischen unerträglichem Jetlag und Magenknurren finde ich mich im Multiplex-Kino ein. Es duftet unerwartet angenehm nach frischem Karamell und warmen Popcorn. Natürlich habe ich aber mein Geld in der Airbnb-Wohnung gelassen. Food-Flatrate hat die Presse hier nicht.

Karamell-Popcorn für 700 Yen --> ungefähr 5 gut investierte Euro
Karamell-Popcorn für 700 Yen –> ungefähr 5 gut investierte Euro

Screen 6 steht auf meinem Schlauen Zettel. Ich stehe etwas fragend in der Eingangshalle und schon rennt eine besorgte junge Dame mit dem Kopf gen Boden geneigt in Meine Richtung. Aufgeregt sagt sie etwas auf japanisch und weisst mir den Weg in irgendeine Richtung. Wird schon richtig sein, denke ich mir und Leiste ihrer freundlichen Hilfestellung Folge. An einer Kreuzung angekommen wartet schon die nächste Dame die mich mit gesenktem Haupt begrüßt und ihrem Arm richtungsweisend nach rechts streckt. Irgendetwas auf japanisch rufend natürlich. Ich gehorche aufs Wort. Und auch auf der letzten Kreuzung wieder jemand der nur darauf wartet einem verwirrtem Pressevertreter zum Screen 6 zu schicken.

Angekommen am Eingangssaal leuchtet die Ziffer groß vor meinen Augen. Also alles richtig. Jetzt noch durch die Personenkontrolle. Wieder eine freundlich lächelnde Dame steht bereit um den QR-Code des Presse-Pass mit ihrem Smartphone zu scannen. Ob das wohl alles Praktikantinnen sind, die für einen schmalen Taler ausgenutzt werden, oder macht der Staat hier was gegen den chronischen Jobmangel des Landes, denke ich so vor mich hin als ich den Saal betrete.

Bequeme rote Samtsitze, viel Beinfreiheit, Becherhalter und gut durchlüftet. Recht edel hier in den Toho Kinos an den Roppongi Hills. Was stand nochmal auf dem Programm? Achso: Eine Dokumentation über Japans vermeintlich berühmtesten Boxer Tatsuyoshi. Der Regisseur hat den ehemaligen Weltmeister im Schwergewicht über 20 Jahre begleitet. Jetzt ist der Film endlich fertig. Start in Japan: 2016.

Joe,Tomorrow–20 years with JoichiroTatsuyoshi, a Legendary Boxing Champ. Foto: Promo/TIFF
Joe,Tomorrow–20 years with JoichiroTatsuyoshi, a Legendary Boxing Champ. Foto: Promo/TIFF

So in dem bequemen Sitz gefletzt macht sich doch gleich wieder der Jetlag bemerkbar. Immer wieder fallen meine Augen zu, nur das ständige Magenknurren hält mich noch wach. Da setzt sich zu meiner Linken plötzlich ein japanischer Pressekollege. Der hatte sein Geld natürlich mit dabei und befestigt am Getränkehalter so etwas wie eine große Plastikerweiterung, genau auf das dazugehörige Loch zugeschnitten. Auf dem vor ihm nun thronenden riesigen Tisch steht nicht nur ein gigantischer Colabecher, sondern auch eine kleine Pappbox aus der es extremst ansprechend nach frisch gewärmten Imbiss-Essen duftet.

Langsam werde ich ein wenig nervös und hoffe, dass er seine Box erst nach dem Filmstart im Dunklen öffnet. Ich will gar nicht wissen, was für leckeres Mikrowellen-Fleisch auf ihn wartet. Am Eingang humpelt derweil ein weiterer Pressekollege mit zwei Krücken bewaffnet direkt schnurstracks auf mich zu. Allerdings im gediegenem Schneckentempo. Er lässt sich direkt neben mich fallen als aus der anderen Richtung der Nahrungs-Duft unerträglich wird. Hat der doch tatsächlich schon seinen Hauptgang geöffnet. Irgendein etwas bräunlich mariniertes Fleisch, nicht nur der Geruch regt plötzlich meine Speichelproduktion an, das Zeug scheint so frisch aus dem Ofen zu sein, dass es mich seitlich wärmt. Zum Glück geht das Licht aus.

Thailändische Technomusik dröhnt aus den viel zu laut eingestellten Boxen. Joe Tatsuyoshi boxt sich gerade um den Titel. Abwechselnd stellt der Regisseur seinen Protagonisten im Kampf und in privaten Interviewsituationen vor, indem er über sein Leben philosophiert. Familie und Profiboxer, das geht bei ihm nicht. Er kann wohl immer nur eins, deshalb wird er bald aufhören, stellt Joe schon mit jungen 22 Jahren fest. Während wir seine Kinder kennen lernen und durch die verschiedenen Stationen seines Lebens reisen, schweifen meine Gedanken plötzlich ab.

Was wohl dieses eingelegte Fleisch von nebenan kostet? Wann startet noch mal der Rote Teppich für das Filmfest? Auf dem Weg zum Kino habe ich eine Film Lounge für Staff und Presse entdeckt. Ob es da wohl Frühstück gibt? Oder wenigstens Cafe? Ich drehe mich nach rechts und der ältere Herr lehnt schnarchend an seiner Krücke, während auf der großen Leinwand Tatsuyochis Leben eine dramatische Wendung nimmt als er seinen ersten Titelkampf verliert: 2 Mal nacheinander! Das war’s, Joe hört auf mit dem professionellem Boxen und ich schleiche mich an dem friedlich schnarchendem Herren vorbei aus dem Kino raus. Auf dem Weg nach draussen verneigen sich mindestens 5 jugendlichen Damen vor mir. Ich gehe zur Lounge.

Ganz schick die Toho Kinos in den Roppongi Hills
Ganz schick die Toho Kinos in den Roppongi Hills

Wieder muss mein Presse-Pass mit einem Smartphone gescannt werden. Die Crew weiss also immer wann und wo ich mich aufhalte. Trotzdem: Jackpot! Es gibt nicht nur Cafe, Tee und Süßigkeiten, sondern auch Thunfisch-Stullen direkt aus dem Ofen! Nimm das Berlinale, wo vor 5 oder 6 Jahren den Journalisten das Herz stehen blieb und der Hals trocken wurde als der Wasser-Sponsor-Kühlschrank abgeschafft wurde. Nach locker 5 Thunfisch-Schnittchen, 2 Cafe und einem Schoko-Crossie steht auch schon das große Opening auf dem Terminplan. Immerhin: Direkt gegenüber.

Aufruhr am Roten Teppich
Langsam startklar: der Rote Teppich

Aufgeregt rennen Fans, Mitarbeiter und Polizisten aneinander vorbei. Das Pressezelt ist schnell ausfindig gemacht. Eine junge Dame nickt mir zu und fragt nach meinem Pass. Abscannen mal wieder. Ich suche den mir zugewiesenen Platz für den Fotocall und werde von einem super stylisch ausschauenden Glatzkopf im Samtanzug wärmstens in Empfang genommen. Mal schauen was mir da so für Zettel in die Hand gedrückt worden. Alles auf Japanisch: #LostInTranslation deluxe! Das einzige was ich noch erkenne sind Uhrzeiten.

Lost in Translation
Lost in Translation

Na ja: Reicht ja auch. Was folgt ist die wohl am besten und genauesten durchstrukturierte Eröffnungs- Red-Capet-Veranstaltung die ich jemals in meinem Leben erlebt habe. Der größte Zettel unter vielen ist eine Auflistung der Special Guests: In der Reihenfolge in der sie über den Teppich gejagt werden. Genauso pünktlich wie die Züge hier aufs Gleis rollen, werden auch die Prominenten über den Teppich geschickt. Das erspart fragende Gesichter, wenn man mal nicht weiss, wer da gerade so vor der Kamera gestanden hat. Die Fotomeute ist anders als in Berlin nicht nur kultivierter und alles andere als kreischend mit dem Ellenbogen auf Kampfstellung unterwegs, sondern sitzt brav in ihrer Reihe. Ja! Fotografen sitzen in Japan.

Gespannte Atmosphäre in der Photographen-Runde
Gespannte Atmosphäre in der Photographen-Runde

Als erstens muss ich mir keine Sorgen wegen den Namen machen, wenn alles nach Plan läuft und zweitens muss ich kein einziges Mal während meiner Arbeit aufstehen. Luxus Pur: In Your Face Berliner Eventmanagement! Vor meiner Linse verbeugen sich dann nicht nur Hollywoodstars wie Helen Mirren oder Hillary Swank die hier ihre neuesten Streifen vorstellen, sondern auch der Paddington-Bär, der ganz alleine über den Teppich läuft und auch Interviews gibt, eine Horde von kleinen Schulmädchen, bunte Cosplay-Manga-Figuren die an der Hand ihrer Synchronsprecherinnen über den Teppich geführt werden, halb nackte Künstler, Köche, mit Botox vollgespritzte Medienmogule und ein etwas älter Herr mit seiner Stoffpuppe.

Es nimmt einfach kein Ende und laut Ablaufplan kommt Helen Mirren erst zum Schluss, also muss ich ausharren. Ich denke abwechselnd an Thunfischstullen oder Karamellpopcorn and fasse mir an meinen frierenden Hintern (man sitzt nicht im Sofa, sondern auf einer Metallplatte) als ich mir gerade schon die kurzweiligen Ellenbogen-beanspruchenden Berlinale-Fotocalls Wieder zurückwünsche, steht plötzlich der Boxer von eben vor mir. Mittlerweile irgendwie ein vertrautes Gesicht. „Joe“ rufe ich: er schaut mich verdutzt an und lächelt in meine Kamera, da wirbelt auch schon die Mirren von der Seite an. Geschafft! Ab ins Bett, denke ich mir, als ich auf dem Nachhause Weg auf der Jagd nach warmen Thunfisch noch mal die Film Lounge betrete und der Abend doch noch eine unerwartete Wendung nimmt…

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Ein Hauch von Hollywood mit Hillary Swank
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… und Helen Mirren

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